
Dr. Brigitte Rusche, Vize-Präsidentin des Deutschen Tierschutzbundes, anlässlich der Preisverleihung am 11. Oktober 2009 in Wilhelmsdorf
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich, dass ich heute die Vermarktungsinitiative „Genuss vom Pfrunger-Burgweiler Ried“ als einen der Preisträger des Pro Tier Förderpreises der Allianz für Tiere des Jahres 2009 auszeichnen darf.
Die Allianz für Tiere in der Landwirtschaft ist ein Zusammenschluss führender Organisationen des Tierschutzes und des Umwelt- und Verbraucherschutzes. Mitglieder der Arbeits- und Projektgemeinschaft sind der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), der Deutsche Tierschutzbund e.V., der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv) und die Schweisfurth-Stiftung.
Warum haben wir uns zusammengetan?
Die Landwirtschaft hat eine Entwicklung durchgemacht, die wir mit großer Sorge verfolgen. Die Intensivierung der Tierhaltung wirkt sich negativ auf die Tiere aus, weil sie ihnen ein artgemäßes und verhaltensgerechtes Leben weitgehend versagt. Darauf beruhen Umweltbelastungen durch Gülle, durch vielfache Transporte von Tieren und durch Importfutter, das wiederum mit für die Abholzung von Regenwäldern und damit für weitere Klimaschädigungen verantwortlich ist.
Mit großer Sorge beobachten wir auch die Tendenz, dass die landwirtschaftliche Produktion von Industrieunternehmen übernommen wird. So gibt es beispielsweise in der Geflügelwirtschaft bereits Unternehmen mit Futtermittelwerk, Mastbetrieb und Schlachthof. Die Folgen: Die Landwirte verlieren ihre Selbständigkeit und werden zu Lohnmästern.
Die Bürger schließlich verlieren immer mehr solide Kenntnisse über die Produkte, die auf ihrem Teller landen, wünschen sich aber einen freundlichen Umgang mit Tieren. Ein Beispiel dafür sind die Schulbücher unserer Kinder, in denen sie Kuh, Huhn und Schwein in einer freundlichen Bauernhofidylle kennenlernen.
Natürlich ist uns allen bewusst, dass das Bild einer Bauernhof-Idylle auch in früheren Zeiten keineswegs immer die Realität widerspiegelte. Wir sind aber alle der Auffassung, dass es möglich ist, mit Tieren in der Landwirtschaft besser umzugehen als sie auf engstem Raum „ohne Licht und Luft“ einzusperren und schließlich auf eine oft lange tierquälerische Reise in den Schlachthof zu schicken.
Die Allianz für Tiere möchte hier ihren Beitrag leisten und gemeinsam die landwirtschaftliche Nutztierhaltung in Deutschland nachhaltig verbessern. Eine bäuerliche Landwirtschaft, die naturnah wirtschaftet, die Umwelt- und Klimaschutz berücksichtigt, dem Tierschutz einen hohen Stellenwert einräumt und die Vermarktung regionaler Produkte unterstützt, kommt gleichermaßen den Tieren, der Umwelt und den Verbrauchern zugute. Getreu dem Motto „Gemeinsam sind wir stärker“ verfolgen wir unsere Projekte auf jeden Fall mit größerer Schlagkraft, als das jeder Partner für sich alleine kann.
Der Pro Tier-Förderpreis für artgerechte Nutztierhaltung 2009
Eine unserer gemeinsamen Initiativen ist der Pro Tier Förderpreis für artgerechte Nutztierhaltung, den wir alle zwei Jahre und dieses Jahr zum vierten Mal verleihen. Mit diesem Preis zeichnen wir landwirtschaftliche Betriebe, Vereinigungen und Einzelpersonen in Deutschland aus, die ihrer mitgeschöpflichen Verantwortung gerecht werden und bei der Umsetzung einer artgerechten Nutztierhaltung Vorbildliches leisten.
Der Pro Tier Förderpreis steht jedes Mal unter einem anderen Motto. In diesem Jahr sollten zusätzlich folgende gesellschaftlichen Leistungen gewürdigt werden:
 | der Einsatz der Tiere in der Landschafts- und Biotoppflege |
 | die Stärkung regionaler Ökonomien „rund ums Tier“ mit entsprechenden Wertschöpfungen für die Region (Arbeitsplätze, Vermarktung etc.) |
 | die Integration von Behinderten und sozial Benachteiligten durch die Arbeit mit Tieren in der Landwirtschaft sowie |
 | die Bildungsarbeit, insbesondere mit Kindern und Jugendlichen, bei der die Arbeit und der Umgang mit Tieren in der Landwirtschaft eine zentrale Rolle spielen. |
Die Bewerber um den Pro Tier-Förderpreis 2009 sollten in mindestens einem der genannten Bereiche aktiv sein, über mehrjährige Erfahrungen verfügen und entsprechende Erfolge vorweisen können. Die Jury hat sich unter den Bewerbungen für vier Initiativen entschieden.
Als Vertreterin des Deutschen Tierschutzbundes bekenne ich, dass ich von der Vermarktungsinitiative „Genuss vom Pfrunger-Burgweiler Ried“ besonders angetan war. Die Initiative ist eingebettet im Naturschutzgroßprojekt Pfrunger-Burgweiler Ried. Besondere Erwähnung soll auch der schwäbische Heimatbund finden, ohne dessen Beteiligung das Vorhaben in der heutigen Form sicherlich nicht realisiert worden wäre.
Die Begründung der Jury
Seit vier Jahren arbeiten in diesem Projekt Landwirte, Naturschutzbehörden und regionaler Fleischhandel und Gastronomie vorbildlich Hand in Hand.
Die sieben landwirtschaftlichen Betriebe, die sich dem Projekt angeschlossen haben, halten Robustrinder wie Galloway, Scottish Highland, Heckrinder und robuste Fleisch- und Zweinutzungsrassen wie Pinzgauer und Limousin. Sie treffen damit ein Anliegen der Allianz, seltene Rassen weiterzuführen. Die Tiere leben im Herdenverband inklusive Nachzucht das ganze Jahr über auf der Weide. Im Verbund als Herde können ihre die natürlichen Bedürfnisse an Bewegung und Kontakt zu Artgenossen optimal erfüllt werden. Zu jeder Herde gehört auch ein Bulle, so dass sich die Tiere durch Natursprung vermehren.
Die Weidefläche umfasst auch Waldstücke und Baum- und Gebüschreihen, die als Rückzugsmöglichkeit sowie Schutz vor Hitze, Regen und Schnee dienen. Die Rinder ernähren sich ausschließlich von dem, was die Weiden mit ihren Gehölzanteilen bieten. Lediglich im Winter werden sie gezielt mit Heu zugefüttert, wobei das Futter allein von der Weide oder von Vertragsflächen stammt. Hofeigene Futtermittel sind nur zum Anlocken und für besseres „Handling“ erlaubt; auf den Einsatz von Soja oder gentechnisch veränderten Futtermitteln wird gänzlich verzichtet.
Den Tierschützern gefällt besonders, dass die „halbwilden“ Rinder durch eine vorläufige Ausnahmegenehmigung des Veterinäramtes in ihrer gewohnten Umgebung auf der Weide geschossen werden dürfen und ihnen so ein rascher und angstfreier Tod gewährt wird. Sie müssen nicht von der Herde getrennt werden und der belastende Weg zum Schlachthof bleibt ihnen ebenso erspart wie die Prozedur im Schlachthof.
Der Deutsche Tierschutzbund und die Allianz für Tiere wünschen sich, dass dieses vorbildliche Tötungsverfahren für extensiv gehaltene Rinder auch in Zukunft durchgeführt werden kann. Dies sollte auch durch die Behörden unterstützt werden.
Den Rindern im Pfrunger Burgweiler Ried geht es nicht nur besonders gut. Für die Landschaft sind sie unverzichtbar. Sie weiden im ehemaligen Moorgebiet und fördern so seine Wiedervernässung. Ein vielfältiges Ökosystem entsteht, das neben seltenen Pflanzen, Insekten und Amphibien auch vielen Vögeln wie dem Storch Lebensraum bietet.
Durch die Renaturierung des Moores wird außerdem ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz geleistet. Dass Moore trockengelegt werden, trägt wesentlich zur Klimaerwärmung bei. Die Entstehung von Treibhausgasen in der Landwirtschaft beruht zu 30 Prozent auf der Entwässerung und der daran anschließenden landwirtschaftlichen Nutzung der Flächen. Torf und das gespeicherte CO2 werden durch die Bewirtschaftung freigesetzt.
Durch die Wiedervernässung der ehemaligen Moore entsteht wie hier im Pfrunger Burgweiler Ried Dauergrünland. Dauergrünland ist eine der besten sogenannten CO2-Senken. Durch die Pflanzen wird das klimaschädliche CO2 gebunden und stattdessen Sauerstoff freigesetzt. Der hohe Humusanteil bewirkt zusätzlich eine hohe CO2-Bindung im Boden.
Auf den extensiv genutzten Flächen verzichtet man außerdem auf den Einsatz von Mineraldüngern und reduziert auch noch die Freisetzung des klimaschädlichen Lachgases.
Aber nicht nur Landwirtschaft und Naturschutz profitieren sondern auch die Vermarktung. Das Vermarktungsprojekt ist eingebunden in eine umfassende Informations- und Bildungsarbeit, die vom Naturschutzzentrum Pfrunger-Burgweiler Ried des Schwäbischen Heimatbundes durchgeführt wird.
Die abwechslungsreiche Landschaft, deren Attraktivität durch die Tiere auf ihren Weiden noch erhöht wird, hat einen hohen Erholungswert und lockt viele Besucher zu einem Ausflug an.
Zusätzlich erfahren die Besucher auf Führungen, Lehrpfaden und Informationstafeln viele interessante Neuigkeiten über das Projekt. Besonders wichtig sind auch die Veranstaltungen für Schulklassen, die die Kinder mit der Bedeutung von Umwelt- und Tierschutz vertraut machen. Somit leistet das Projekt auch im Bereich der Bildungsarbeit hervorragendes.
Abgerundet wird die Initiative durch die regionale Vermarktung des Rindfleisches. So besteht eine direkte Verbindung zwischen Touristen, Verbrauchern, Landwirtschaft und Naturschutz, die für alle Beteiligten Vorteile hat.
Es werden regionale Erzeuger unterstützt, der Verbraucher erfährt, woher das Fleisch stammt, das Naturschutzprojekt wird besser verständlich und akzeptiert. Die gute Qualität des Fleisches wird nicht zuletzt mit der stressfreien Tötung der Rinder begründet.
Grußwort des Bundespräsidenten
Bevor ich gleich die Anerkennungsurkunde für den Pro Tier Förderpreis überreiche, darf ich noch ganz besonders herausstellen, dass wir den Bundespräsidenten Horst Köhler als Schirmherr für den Preis gewinnen konnten. Mit seinem Grußwort, das ich jetzt verlesen möchte, gratuliert er Ihnen herzlich zur Preisverleihung.
Liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
als Schirmherr des Pro-Tier-Förderpreises möchte ich Ihnen auf diesem Wege meinen herzlichen Glückwunsch übermitteln.
Die Wirklichkeit in der Tierhaltung verändert sich am besten durch gute Beispiele, die zeigen, dass Nutztierhaltung auch artgemäß sein kann. Sie zeigen mit Ihren Unternehmen darüber hinaus, welchen gesellschaftlichen Mehrwert Landwirtschaft und regionale Vermarktungsinitiativen bieten können. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn Ihr gutes Beispiel noch mehr Betriebe zu einem umwelt- und tiergerechten Wirtschaften ermutigen könnte.
Ich wünsche Ihnen Glück und Erfolg für die Zukunft, bleiben Sie Ihrem Konzept treu!
Ihr Horst Köhler
Diesen Worten des Bundespräsidenten kann ich mich nur anschließen. Ich gratuliere allen Beteiligten in dem Naturschutzprojekt und der Vermarktungsinitiative vom Pfrunger-Burgweiler Ried im Namen der Allianz für Tiere in der Landwirtschaft für ihre Arbeit, die herausragenden Leistungen zum Wohle der Tiere und der Natur ebenso wie zum Wohle der Menschen.

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