
1. Beschreibung der Aktivitäten:
Die von Rudolf Bühler ins Leben gerufene Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall gilt mit ihrer Tochterorganisation, der Züchtervereinigung Schwäbisch-Hällisches Schwein, als eine der ältesten Initiativen für artgerechte Tierhaltung, ökologische Tierzucht und Sicherung der genetischen Vielfalt im Haustierbereich in Deutschland.
Die Anfänge der Aktivitäten und Projekte gehen auf das Jahr 1983 zurück, als Agraringenieur Rudolf Bühler nach langjährigem Aufenthalt als Entwicklungshelfer in Afrika und Asien in seine Heimat Hohenlohe zurückkehrte und auf dem Hof seiner Vorfahren (in 13. Generation) begann, die Reste einer bereits als ausgestorben geltenden Schweinerasse – dem Schwäbisch-Hällischen Landschwein – zusammenzutragen und eine neue Zuchtpopulation aufzubauen. Lediglich sieben Tiere konnten damals gefunden werden, die reinrassig waren.
Die Schwäbisch-Hällische Landrasse, seit 1820 in Schwäbisch Hall gezüchtet und damit älteste Hausschweinrasse in Deutschland, gilt als klassisches Beispiel für den Niedergang und Verlust alter und traditioneller Landrassen und damit genetischer Ressourcen. Und ebenso weit über die Grenzen Deutschlands hinaus als Modell, wie es gelingen kann, eine als ausgestorben gegoltene Rasse wieder neu zu beleben, eine gesicherte Zuchtpopulation aufzubauen und diese wieder in Wert zu setzen mit geeigneten Vermarktungskonzepten.
Die Züchtervereinigung Schwäbisch Hällisches Schwein e.V. wurde 1986 von 17 Bauern und „Sympathisanten“ gegründet und hat zurzeit 120 Mitglieder. Sie ist ein gemeinnütziger Verein und bundesweit für die Erhaltung und die Zucht des Schwäbisch Hällischen Landschweins tätig.
Eine alte Landrasse muss es schaffen, wieder in der bäuerlichen Landwirtschaft verankert zu sein und damit wirtschaftlich zu werden. Mit Haltung von Restpopulationen in Haustierparks und Hobbybetrieben einhergehend mit Genbanken – so wichtig diese Begleitmaßnahmen sind – kann eine lebende Population nicht erhalten werden und die notwendige Zuchtarbeit mit Selektion und gezielter Anpaarung nicht erfolgen oder aufrecht erhalten werden. Langfristig ist die nachhaltige Erhaltung einer Zuchtpopulation nur dann möglich, wenn ihre Produkte einer geordneten und florierenden Vermarktung zugeführt werden können.
Aus dieser Erkenntnis gründete Rudolf Bühler 1988 mit sieben Berufskollegen die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall als Vermarktungsorganisation für die Produkte der Schwäbisch-Hällischen Schweinezucht. Die Erzeugergemeinschaft versteht sich als Träger ländlicher Regionalentwicklung in Hohenlohe und ist eine bäuerliche Solidargemeinschaft. Sie entwickelte eines der ersten Qualitätsfleischprogramme in Deutschland unter Abstimmung verbindlicher Erzeugerrichtlinien mit den Tierschutz-, Umweltschutz- und Verbraucherschutzorganisationen sowie Vertretern aus Kirche, Wissenschaft und Verwaltung. Mittlerweile ist die Zahl der Mitgliedsbetriebe in der Region auf 860 angestiegen, darunter 85 Landwirte, die nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus wirtschaften.
Die teilnehmenden Bauern erhalten in der Regel einen Mehrpreis von 25 Prozent auf den handelsüblichen Auszahlungspreis und kompensieren so die höheren Aufwendungen für den Einsatz der alten Rasse und die artgerechte Tierhaltung.
Die wichtigsten Merkmale der Qualitätsfleischprogrammes sind:
 | Stroheinstreu |
 | Verbot von Vollspaltenböden und Anbindehaltung |
 | Gruppenhaltung |
 | Helle, luftige Ställe |
 | 1,2 qm Platzangebot pro Tier (Mastschwein in der Endmast) |
 | Kein prophylaktischer Medikamenteneinsatz |
 | Ausschluss der Tiere aus dem Qualitätsfleischprogramm bei therapeutischem Einsatz von Medikamenten |
 | Flächenbindung auf 2 Großvieheinheiten pro Hektar |
 | Kein Einsatz von Leistungsförderern oder tierischen Futtermitteln |
 | Kein Einsatz gentechnisch veränderter Futtermittel |
 | Mindestens 80 Prozent heimisches Futter (aus Baden-Württemberg) |
 | Maximal 1 Stunde Transportzeit zum Erzeugerschlachthof Schwäbisch-Hall |
Spitzengastronomie und Feinkosthandel schätzen die Qualität des Fleisches des Hällischen Schweins. Robustheit, Mütterlichkeit, gute Grundfutterverwertung, die Tauglichkeit für verschiedene Haltungssysteme und hohe Fruchtbarkeit werden von den Haltern des Schwäbisch-Hällischen Schweines als wichtige Punkte bei der Wahl der Rasse angesehen.
Die Zuchtwertschätzung muss genau diese besonderen Eigenschaften der alten Rasse aufgreifen und zur Grundlage der Zuchtarbeit machen. Bundesweit einzigartig im Bereich der Schweinezucht ist das Projekt „Ökologischer Gesamtzuchtwert Schwäbisch-Hällisches Schwein“, bei dem tierzüchterische Belange, Fleischqualität und ökologische Werte mit in die Zuchtwertschätzung einfließen sollen (wiss. Leitung: Dr. Günter Postler). Das Projekt ist im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau durch das BMVEL gefördert worden, nicht zuletzt weil es Modellcharakter für andere alte Rassen und deren Erhalt hat.
Seit 1995 hat die Erzeugergemeinschaft ein Weiderinderprogramm eingerichtet, mit dem brachliegende Flusstäler Hohenlohes zu Gemeinschaftsweiden zusammengefasst und mit Mutterkuhhaltung beweidet werden. Hierbei kommt überwiegend die alte Landrasse Limpurger Rind zum Einsatz, was einen entscheidenden Beitrag zum Erhalt dieser Rasse leistet. Dieses Rind ist besonders leicht und für die Beweidung der Talhänge bestens geeignet. Das Fleisch aus dieser landschaftspflegerischen Haltung wird unter der historischen Bezeichnung „boeuf de Hohenlohe“ vermarktet (in Anknüpfung an die Rinderhaltung in der Region Hohenlohe und deren Vermarktung bis in die Pariser Gourmetrestaurants gegen Ende des 18. Jahrhunderts).
Seit dem Jahr 2002 ist die Erzeugergemeinschaft eine Partnerschaft mit dem Unilever-Konzern eingegangen und hat ein weiteres Qualitätsfleischprogramm eingerichtet, das zu einem deutlichen Zuwachs bei den Mitgliedsbetrieben geführt hat. Dadurch ist die artgerechte Tierhaltung in der Region endgültig aus der Nische herausgetreten und bietet der breiten Landwirtschaft Einkommens- und Zukunftsperspektiven.
2. Gründe für die Juryentscheidung:
 | Erhaltung und Wiederaufbau einer alten, als ausgestorben gegoltenen Landrasse und deren wirtschaftliche Inwertsetzung durch geschickte Vermarktungskonzepte. |
 | Aufbau eines der ersten Qualitätsfleischprogramme mit verbindlichen Erzeugerrichtlinien in Abstimmung mit Tierschutz-, Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen (1988). |
 | Modellcharakter für andere bedrohte Rassen und Haustierarten. |
 | Sicherung und Schaffung neuer Arbeitsplätze auf dem Land (860 Mitgliedsbetriebe in der Region) und Impulsgeber für die ländliche Regionalentwicklung. |
 | Entwicklung tiergerechter Zuchtmethoden, die gut für den ökologischen Landbau geeignet sind („ökologischer Gesamtzuchtwert Schwäbisch-Hällisches Schwein“). |
 | Die genannten Initiativen gehen maßgeblich auf den persönlichen Einsatz von Rudolf Bühler zurück. |
3. Kontakt:
Rudolf Bühler
Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall
Züchtervereinigung Schwäbisch Hällisches Schwein e.V.
Hallerstr. 20, 74549 Wolpertshausen
Fon: 07904 / 9797-0, Fax: 07904 / 9797-29
info@besh.de, www.besh.de


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