
Begrüßung und Einführung durch Dr. Angelika Zahrnt, Vorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)
Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde des Tier- und Umweltschutzes,
ich freue mich, Sie hier in Berlin begrüßen zu dürfen im Namen der Allianz für Tiere in der Landwirtschaft zu unserer Tagung „Tier- und Umweltschutz im Spiegel der Medien – Perspektiven für die Nutztierhaltung“.
In der Allianz für die Tiere sind der Verbraucherzentrale Bundesverband, der Deutsche Tierschutzbund, die Schweisfurth-Stiftung und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) zusammengeschlossen. Die Allianz hat sich zum Ziel gesetzt, etwa mit dem Pro-Tier-Förderpreis für verhaltensgerechte Tierhaltung, gute Beispiele und positive Impulse in die Gesellschaft und in die Politik zu tragen. Damit möchten wir den immer wieder auch erschütternden Berichten von hohem Medikamenteneinsatz, von ungeeigneten Ställen, von Qualzucht und überlangen Tiertransporten etwas entgegenstellen und Alternativen aufzeigen.
Heute haben wir Sie, verehrte Gäste, eingeladen, um mit uns über ein Phänomen zu diskutieren, das unserer Ansicht nach eine zunehmende Bedeutung erhält:
 | In Deutschland leben 30 Millionen Schweine. Aber wir sehen sie nicht. |
 | In Deutschland leben 50 Millionen Hühner. Aber wir sehen sie nicht. |
 | In Deutschland leben 50 Millionen Hähnchen. Aber wir sehen sie nicht. |
 | In Deutschland leben 13 Millionen Rinder – aber wir sehen nur jedes Fünfte davon auf der Wiese. |
Die sogenannte ganzjährige Stallhaltung ist für fast alle Tierarten üblich geworden. Wegen zunehmender Seuchengefahr sind viele Ställe für Besucher gänzlich verschlossen. Dass heißt: ganz gleich ob wir in der Stadt oder auf dem Land in der Nähe von einem Stall mit vielleicht 2000 Mastschweinen wohnen – wir wissen nicht wie die Millionen Tiere leben, die uns täglich Eier, Milch, Fleisch und Dünger liefern.
Aber es gibt einen Ort, an dem wir hin und wieder Nutztiere lebend sehen. Das ist zumeist unser Wohnzimmer – dort wo wir fernsehen und Zeitung lesen. Weil es die Medien sind, die uns mit Reportagen und Artikeln über die Tiere in der Landwirtschaft informieren.
Live erleben können wir Tierhaltung auf Öko- oder Neulandhöfen. Dort werden die Tiere auf Stroh gehalten in luftigen Ställen mit Tageslicht und Auslauf oder sie leben ohnehin auf der Wiese. Das sieht schön aus und liefert Bilder, die jeder gerne sieht, auch weil sie Jahrhunderte lang unser Landschaftsbild geprägt haben. Zumindest findet das offenbar die Werbebranche.
Ich habe mir kürzlich einmal die Mühe gemacht und die Verpackungen im Supermarkt bei uns genauer studiert. Auf 25 verschiedenen Milchprodukten, 32 Fleischerzeugnissen und einigen Käfigeierpackungen prangten Fotografien oder stilisierte Abbildungen von Wiesen und Weiden. Wäre der Anteil der Tiere in Weidehaltung so groß wie die Verpackungen es suggerieren, hätten wir weitaus weniger Probleme. So bleibt uns nur, auf Siegel wie die des Ökolandbaus und Neuland zu achten, denn diese Siegel garantieren Auslauf im Freien.
Reden wir über Tierhaltung und Fleisch, dann müssen wir auch über den jüngsten – andauernden – Fleischskandal reden: In über 50 Kühlhäusern wurden über 200 Tonnen gammeliges Fleisch beschlagnahmt. Die Abteilung Landwirtschaft der UN sagt, dass weltweit ein Drittel der untersuchten Fleischtransporte aus dem Verkehr gezogen werden müssen, weil sie mit Krankheitserregern – unter anderem dem Vogelgrippevirus – infiziert sind. Wir meinen, deutlicher kann man die Kehrseite der Globalisierung nicht zeigen: Das Gammelfleisch ist ein Produkt des Systems der industriellen Tierhaltung und des internationalen Handels.
Dabei handelt es sich nicht um einzelne „schwarze Schafe“ wie die niedersächsische Fleischindustrie aktuell behauptet. Es mag sein, dass in Niedersachsen 50 schwarze Schafe keine Schafherde ergeben. Wir sehen das anders und meinen, dass es sich um eine Herde handelt bzw. um ein ungutes System. Das System besteht darin,  | dass die überwiegende Zahl der Tiere nach industriellen Maßstäben gehalten wird. Das ist relevant für die Fleischqualität, weil die Genetik dieser Tiere nicht primär auf die beste Fleischqualität abzielt, sondern auf die größten Zunahmen in kürzester Zeit; |
 | dass oftmals lange Transporte der Tiere nachweislich zu Stress und der Stress wiederum zu einer Minderung der Fleischqualität und der Haltbarkeit des Fleisches führt; |
 | dass das Fleisch von den zentralisierten Schlachthöfen wiederum über verschlungene Wege und durch zahlreiche Kühlhäuser transportiert werden, bevor sie verkauft werden; |
 | dass Kontrollen zwar punktuell „Ekelfleisch“ finden können, jedoch diesem fälschungsanfälligen System nicht mit Kontrollen beizukommen ist. |
Nur wer Fleisch und Wurst aus regionaler, artgerechter Aufzucht, regionaler Schlachtung und handwerklicher Verarbeitung im Fleischerfachgeschäft oder Naturkosthandel bezieht, kann das System der oft unübersichtlichen Transporte und der undurchsichtigen Zwischenlagerung vermeiden.
Die Skandalserie zeigt uns auch: es fehlen uns Verbrauchern klare Kennzeichnungen. Wir wollen wissen, ob es sich um ein Produkt von einem Tier handelt, das mit gentechnisch veränderten Futtermitteln gefüttert wurde. Wir wollen wissen, wo und vor allem wie das Tier gehalten und gefüttert wurde. Und wir wollen sicher wissen, welche Transportwege das Fleisch zurückgelegt hat. Erst wenn die Kennzeichnung ganz erheblich verbessert wird, erst dann haben wir überhaupt die Wahlfreiheit und können uns auch für bessere Qualitäten entscheiden.
In diesem Zusammenhang möchte ich den Bogen noch etwas weiter ziehen. Sie alle wissen, dass in Europa derzeit hart um eine einvernehmliche Lösung für den Finanzhaushalt der EU von 2007-2013 gerungen wird. Die Position von Deutschland dazu ist schnell zusammengefasst: sparen, sparen, sparen.
Das ist einerseits nachvollziehbar angesichts knapper werdender Finanzmittel. Was uns aber bei der Politik der Bundesregierung fehlt, ist ein klares Bekenntnis wo gespart werden soll.
Dabei gibt es Einsparpotentiale, die der BUND gemeinsam mit vielen anderen Verbänden der Landwirtschaft und des Tier- und Verbraucherschutzes auch immer wieder an die Regierung herangetragen hat. Dazu gehören
 | das Ende der Exportsubventionen, besonders für Lebendvieh; |
 | das Ende der subventionierten Überproduktion und in Folge dessen der Lagerhaltung von Tausenden Tonnen Fleisch in den Kühlhäusern Europas –auf Kosten der Steuerzahler; |
 | das Ende der staatlichen Investitionsförderung für Tierhaltungen nach industriellen Maßstäben; |
 | das Umschichten von Agrarsubventionen, die die Industrialisierung der Landwirtschaft fördern und damit Arbeitsplätze vernichten zugunsten der Ländlichen Entwicklung, die mit dem Ökolandbau und regionaler Wirtschaft Arbeitsplätze schafft. |
Derzeit fließen aber über 90 Prozent der Subventionen ohne Obergrenzen vor allem an Großbetriebe, Exporteure und Lagerhausverwalter, die offenbar nicht einmal zuverlässig die Gesetze einhalten – ich erinnere daran, dass der jüngste Ekelfleischskandal in einer ganzen Reihe von Lebensmittelskandalen steht.
Daher wenden wir uns mit der dringenden Bitte an die Bundesregierung: Tragen Sie mit der gewichtigen Stimme der Bundesrepublik in der EU dafür Sorge, dass die ohnehin sehr geringen Agrarbeihilfen für die Ländliche Entwicklung, d.h. für den Ökolandbau, für regionale Metzgereien, für Umweltbildung und landwirtschaftlichen Naturschutz aufgestockt statt gekürzt werden.
Viele der hier anwesenden Journalistinnen und Journalisten kennen die guten und die schlechten Zustände in den Ställen in Deutschland und viele kennen auch den politischen Rahmen. Bestimmt könnten wir mit unseren unterschiedlichen Zugängen zur Tierhaltung – als Landwirte, Vertreter verschiedener Bauernverbände, als Tierärztinnen, als Politiker, als Vertreter des Verbraucher-, Tier und Umweltschutzes, als Journalistinnen und Journalisten – eine ganze Zeit lang „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ spielen.
Um ein möglichst wirklichkeitsnahes Bild vom Leben der Nutztiere zu ermöglichen, wollen wir mit dieser Tagung dazu beitragen, die Sicht der jeweils anderen Akteure besser zu verstehen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns eine erfolgreiche Tagung.
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