
Impulsbeitrag von Stephan Börnecke, Redakteur der Frankfurter Rundschau – Redaktion Aktuelles
Für die Medien war es ein „gefundenes Fressen“, dass ausgerechnet eine Grünen-Politikerin den Auftrag zur Agrarwende von Ex-Kanzler Gerhard Schröder bekommen hatte. Nach fünf Jahren aber bleibt deutlich mehr, als die Fragen der Boulevardpresse nach dem Stallgeruch der Dame. Künast bedeutet eine Zäsur in der deutschen Landwirtschaftspolitik der Nachkriegszeit.
Nicht nur, weil sie die erste Quereinsteigerin war und die erste Landwirtschaftsministerin, sondern vor allem, weil in diesen fünf Jahren zum ersten Male Agrarpolitik vom Ende her gedacht wurde, nämlich vom Verbraucher aus. Das hat Landwirtschaft in den Medien auf Dauer hoffähig gemacht. Denn es ist etwas anderes, ob eine Art Bauernfunktionär vom Ministersessel aus Politik macht oder ein Politiker, der einigermaßen frei ist von den Lobbyinteressen des Bauernverbands. Es kam allein schon positiv in der Medienwelt an, dass die Agrarpolitik aus den Kreisen einer eingeweihten Fachwelt hinaus in eine breite Öffentlichkeit getragen wurde. „Dank“ BSE trat die Landwirtschaftpolitik den Weg aus dem Mief der dumpf schimpfenden Bauernfunktionäre hinaus in die „freie Welt“ an, was nur logisch ist, denn Landwirtschaft geht uns alle an.
Hinzu kamen konkret und für jeden Menschen nachvollziehbar formulierte Ziele, auch wenn viele davon auf der Strecke blieben oder nun korrigiert werden sollen, ich nenne einige wenige Beispiele: die Anti-Dumping-Preis-Kampagne, das Gentechnik-Gesetz vor dem Hintergrund, dass eine Mehrheit der Menschen die Gentechnik nicht will, der Ökolandbau mit der allerdings unerfüllbaren 20-Prozent-Vorgabe bis 2010, vor allem aber die Hartnäckigkeit in der Frage der Legehennenhaltung.
In den Medien wurde selten so viel über Lebensmittel und vor allem über ihre Erzeugung berichtet wie heute. Ohne diesen Hintergrund wäre der akute Fleischskandal als solcher überhaupt nicht empfunden worden, sondern wäre durchgegangen wie viele ähnliche Betrügereien und Sauereien in all den Jahren zuvor. Seit BSE ist die Aufmerksamkeit aus meiner Sicht extrem gewachsen, und diese Aufmerksamkeit birgt die letzte Chance, die noch bleibt, um die Gentechnik in die Schranken zu verweisen.
Seit BSE gibt es eine Sensibilität, seit dem Skandal wird auch außerhalb der Tierschutzorganisationen über Legehennen und Schweinehaltung gesprochen, auch wenn darüber in der Regel in der Bevölkerung völlig falsche, manchmal sehr niedliche Vorstellungen bestehen. Denn die Realität der Landwirtschaft ist deshalb noch nicht komplett angekommen, nur weil über sie mehr berichtet wird.
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